Rückblick auf das Jahr 2016

Was ist eigentlich geschehen in Pittenhart seit November 2015?
Was ist aus 30 Asylbewerbern, junge Männer aus dem Irak und Syrien geworden?
Und was hat der Helferkreis Pittenhart getan, erreicht oder auch nicht erreicht?
Hier ein Überblick über die Entwicklungen:

Im November 2015 kamen 10 Iraker nach Pittenhart, jesidischen Glaubens, die noch nicht anerkannt waren, d.h. sie hatten noch kein 2. Interview und auch noch keine weiteren Papiere. Hier begann die Arbeit des Helferkreises. Zunächst mussten viele, für uns Deutsche selbstverständliche Dinge, erklärt werden, z.B. wie man ein Konto eröffnet, wo man einkaufen kann, was man wo bekommt und mit welchen Verkehrsmitteln man wo hinkommt. Es waren oft die ersten Augenblicke, die den weiteren Verlauf unseres Tuns beeinflussten. Wie konnten wir kommunizieren, in welcher Sprache? Zum Glück fanden sich immer einzelne der „Jungs“, die Englisch konnten.

Es fehlte oft an den einfachsten Dingen im Haus, aber das war das wenigste Problem. Mit den sehr schnell erfolgenden Anerkennungen der irakischen Jesiden ergaben sich unendliche bürokratische Aufwendungen. Jeder Fall war anders, nichts wurde nach irgendwelchen für uns nachvollziehbaren Systemen von den bürokratischen Stellen behandelt. Zum Glück hatten wir eine Person im Helferkreis, die sich sehr schnell in diese Thematik einarbeitete, ein Segen für alle weiteren Aufgaben!

Eine zweite grosse Aufgabe war die Organisation von Deutschkursen, die ja vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) jeweils zugesichert werden mussten. Das war wiederum von dem Status der Geflüchteten abhängig und so war es eine der grössten Herausforderungen, mit dieser Situation um zu gehen. Auch die Transporte nach Wasserburg oder Trostberg, die Bereitstellung von Ruf- oder Bürgerbus für die abgelegene Lage Pittenhart waren ein sich über Monate hinweg ziehendes Dilemma.

Hatten wir für die Jesiden einiges einigermassen schnell auf die Beine gestellt, fing die Arbeit mit den 20 Syrern, die Ende des letzten Jahres kamen und in Aiglsham und Pittenhart untergebracht wurden, wieder von vorne an. Die Persönlichkeiten der Jungs sind natürlich sehr unterschiedlich, und dementsprechend war die Kommunikation mit manchen einfacher, mit anderen schwieriger. Wir wussten auch erst durch einzelne persönliche Gespräche im Laufe der Zeit, mit welchen Schicksalen die einzelnen Menschen hierher kamen und auf welchen Wegen.

Der Helferkreis bemühte sich von Anfang an, so schnell wie möglich eine Struktur und die Verteilung von Aufgaben vor zu nehmen, um effektiv zu arbeiten. Das hat zu Anfang auch viel Befindlichkeitsprobleme geschaffen, wollte doch jeder alles gut und sehr gut machen. Im Laufe dieses Jahres aber hat sich vieles verändert. Man könnte fast von einer gewissen Routine sprechen. Auch haben wir viel gelernt von, mit und durch unsere Neubürger. Haben wir bis Juni 2016 noch Informationsveranstaltungen, Cafe International oder auch Ausflüge organisiert, sind wir jetzt, nachdem auch fast alle Syrer anerkannt sind, vor allem mit Wohnungssuche beschäftigt.

Trotz des Spracherwerbs sind diese Menschen nicht in der Lage Wohnungen oder auch Arbeit zu bekommen. Das Jobcenter tat sich hier sehr schwer. Allein die Tatsache, gebrochen Deutsch zu reden, reicht aus, dass eine Anfrage für eine Wohnung abgelehnt wird. So sind wir auch damit befasst, hier zu unterstützen und bei erfolgreicher Anmietung von bezahlbarem Wohnraum zu helfen, und die entsprechenden Einrichtungsgegenstände zu besorgen und zu transportieren.

Warum machen wir das? Weil keiner der Geflüchteten einen Führerschein, geschweige denn ein Auto hat. Alles also braucht noch Hilfe.  Hinzu kommt, dass jede/r Helfer/in ja auch eine Freundschaft entwickelt, es sind Menschen, die sympathisch sind und je mehr man sich auch durch Deutschunterricht oder Fahrten oder andere Hilfestellungen einsetzt, desto mehr entwickelt sich eben dieser persönliche Kontakt. Das, was in den Behörden nicht möglich ist, was aber die Basis für alle Ansätze von gegenseitigem Verständnis und Respekt und Akzeptanz Voraussetzung ist, wird genau an dieser Stelle hergestellt.

Besonders hervorheben möchte ich, dass durch die Ausstellung Blickwinkel eine grosse Anzahl junger Menschen, der SchülerInnen und LehrerInnen der Obiger Mittelschule eine andere Sichtweise auf die Geschichte der sog „Flüchtlingskrise“ bekommen haben. Hier können sich Interessierte Menschen auch über einzelne Schicksale der Geflüchteten informieren.

Ich möchte mit einem Shakespeare Zitat schliessen:

„An sich ist nichts gut oder schlecht, erst das Denken macht es dazu“.  

Annette Hartmann

HK Pittenhart Dez. 2016

 

Im Folgenden finden Sie einen Überblick über die Entwicklung und den Status der einzelnen Geflüchteten aus Pittenhart und Aiglsham.

Wie sich die Geflüchteten ins Gemeindeleben eingebracht haben:

• Mithilfe Aufbau Adventsmarkt Hilgerhof
• Vorstellung Bürgerversammlung
• Mithilfe Fastensuppenessen
• Mithilfe Kindergarten, Gartenumgestaltung
• Mithilfe Losverkauf Kunsthandwerkermarkt in Seeon
• Worte des Dankes im Gottesdienst

Bericht Asylbewerber:

30 Asylbewerber in Pittenhart seit Nov. 2015
Davon 1 minderjähriger in Begleitung seines Bruders

G.K., 28, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Erfolgreicher Abschluss (A2) Integrationskurs in Trostberg, Arbeit in der Sommersaison beim Oberwirt
Jetzt: Wohnung in München, Arbeit bei Macdonalds, ging im Irak zur Universität

D, 21, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Erfolgreicher Abschluss (A1) Einführungskurs Deutsch in Trostberg
Jetzt: Wohnung in München, Integrationskurs

Se, 20, Irak/Jeside:  Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Alphakurs in Amerang, studierte im Irak
Jetzt: Wohnung in München, Arbeit in einer Gaststätte

Su, 21, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Erfolgreicher Abschluss (A1) Einführungskurs Deutsch in Trostberg
Jetzt: Wohnung in München, Arbeit Teilzeit bei Burger King

Z,  25, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Erfolgreicher Abschluss (A1) Einführungskurs Deutsch in Trostberg
Jetzt: Wohnung in München

R, 22, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Erfolgreicher Abschluss (A1) Einführungskurs Deutsch in Trostberg
Jetzt: Wohnung in München

G.J., 33, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Alphakurs in Amerang, Alphaintegrationskurs (4 Monate) in Traunstein
Jetzt: Wohnung in München, Arbeit
Ehefrau kam im Juli 2016 durch Familiennachzug nach Deutschland

Sa, 28, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Alphakurs in Amerang, Integrationskurs in Pittenhart (2 Monate)
Jetzt: sucht dringend Wohnung, Integrationskurs in Trostberg (seit Nov. 2016)
Ehefrau kommt durch Familiennachzug in den nächsten Monaten nach Deutschland

K, 30, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Alphakurs in Amerang
Jetzt: Wohnung in Trostberg, Alphaintegrationskurs in Traunstein (seit April 2016)
Ehefrau und 2 Kinder (2 1/2, 1) kamen im Juni 2016 durch Familiennachzug nach Deutschland, Ehefrau: Deutschkurs in der Brückenschule in Trostberg,
Kinder: 1 Kind Kindergarten in Trostberg

A, 35, Irak/Jeside: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Alphakurs in Amerang
Jetzt: Wohnung in Stein an der Traun,  Alphaintegrationskurs in Traunstein (seit April 2016)
Ehefrau und 6 Kinder (2, 6, 8, 10, 12, 14) kamen im Juli 2016 durch Familiennachzug nach Deutschland,
Ehefrau: Deutschkurs in der Brückenschule in Trostberg, ab März 2017 Integrationskurs in Traunreut,
Kinder: 1 Kind Mittelschule in Traunreut (7. Kl.), 3 Kinder Sonnenschule in St. Georgen (1.,2 x 3. Kl.), 1 Kind Kindergarten in Altenmarkt

R, 22, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr

A.A, 19, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr

A.B, 24, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr

J, 27, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Wohnung in Obing, Arbeit bei Oberwirt, Integrationskurs in Wasserburg (seit Oktober 2016)

Ma, 25, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Integrationskurs in Trostberg (Seit Oktober 2016)

H, 25, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr

M.E, 33, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Erfolgreicher Abschluss (B1) Integrationskurs in Wasserburg
Jetzt: ausgebildeter Chemiker sucht Arbeit, Stipendium für B2 Deutschkurs und Wohnung in Magdeburg

Mo, 21, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Wohnung in Bergen, Praxisklasse in Traunstein (seit September 2016)

A, 33, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Wohnung in Pittenhart, Vollzeitarbeit auf Bauernhof, Integrationskurs in Trostberg (seit Oktober 2016), sucht für 2017 Ausbildungsplatz im Sanitär oder Heizungsbau

M.N, 25,Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Praxisklasse Traunstein

Na, 19, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Wohnung in Inzell, Migrationsklasse in Traunstein (seit September 2016)

G, 22, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Wohnung in Tittling/Passau

Bu, 19, Syrien: Flüchtlingseigenschaft zuerkannt,  Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Jetzt: Wohnung in Prien, Aussicht auf Ausbildungsplatz als Krankenpfleger

M, 24, Syrien: Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre ?
Jetzt: Wohnung in Pittenhart, Vollzeitarbeit auf Bauernhof, macht Führerschein, sucht Ausbildungsplatz im IT-Bereich

Mot, 15, Syrien: wartet auf Anerkennung
Jetzt: Wohnung in Pittenhart (mit Bruder), Mittelschule Obing (9.Kl.)

W, 36, Syrien: : subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr

Be, 28, Syrien: subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: könnte in München als Friseur arbeiten, findet jedoch keine Wohnung in der Nähe

Ba, 28, Syrien: wartet auf Anerkennung
Jetzt: hat nach Anerkennung eine Wohnung in Prien, Aussicht auf Ausbildungsplatz als Krankenpfleger in Prien

I, 24, Syrien: Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
Jetzt: sucht Studienplatz für Architektur (englischsprachig)

No, 27, Syrien: : subsidiärer Schutz, Aufenthaltserlaubnis für 1 Jahr
Jetzt: Wohnung in Obing, 450,- € Job bei DPD

Alle Flüchtlinge, die noch keine Wohnung haben würden gerne aus der Gemeinschaftsunterkunft in eine eigene Wohnung ziehen um endlich einmal an zu kommen.

Zum Abschluss noch ein Gedicht zum Nachdenken

Wartezeiten

Unterwegs sein, warten.
Warten, an der Grenze,
Im Camp, auf Papiere. 
Umsiedeln, warten,
Nicht wissen, was kommt.. 
Im hier und jetzt? 
Verlassene Heimat – gestern, 
Und morgen? Hoffen, warten.
Die Schrecken der Flucht.
Verstörende Bilder.
Verwirrungen in neuen Welten.
Alles ist ungewiss, immer und immer die Frage:
Wann endlich ankommen?
Wann und wo ein kleines Stück Heimat finden?
Heimat ist dort, wo Familie und Freunde leben.
Wo ist Heimat, wenn es sie nicht mehr gibt?
Heute, gestern, morgen…wohin? Wann? 
Warten,  und hoffen auf bessere Zeiten.

A.Hartmann Dez 2016